GAZETKA
Informationen des Polnischen Kulturvereins und der Vereinigung der Polen in Berlin über Ereignisse aus dem deutsch-polnischen Kulturleben 15/10/06
Berlin październik / Oktober 2006

Nr. 62

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Bücher aus und über Polen

Für Liebhaber polnischer Gegenwarts-literatur gibt es ein neues Buch von Olga Tokarczuk. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 1.September 2006 unter der Überschrift „Todesfuge für drei Stimmen. Alles fließt: Olga Tokarczuks Roman `Letzte Geschichten´ „ bespricht Marta Kijowska das Buch der bekannten Autorin. Es geht hier um drei Hauptfiguren, um das Sterben, Sehnsüchte und die Zeit, das Vergehen gewissermaßen.

„Manchmal scheint die Zeit in diesen „Letzten Geschichten“ fast stehenzubleiben“ schreibt Kijowska. „Es sind nicht nur die drei Frauen, die müde, erschöpft und kraftlos wirken; - so Kijowska- „für alle anderen gilt dies auch. Vielleicht liegt diese Aura der Schwere und Antriebslosigkeit einfach an Tokarczuks stilistischem Können.“

Der Roman ist erschienen in Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006, und kostet 22,90 Euro.

Ein anderes Buch für Freunde des Landes erschien im Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin. Der Titel sollte die Polnisch sprechenden Leser nicht irritieren. Er lautet „Polski Tango. Eine Reise durch Deutschland und Polen“ und der Autor kennt sich aus in beiden Ländern. Es ist der in Toruń 1975 geborene Journalist Adam Soboczynski, der als Kind nach Deutschland kam, hier studierte und heute für die „Zeit“ arbeitet. Die Informationen verdanken wir einer wundervollen Rezension von Jens Bisky, die unter der Überschrift „Zalatwiac heißt das kleine Zauberwort. Ein Buch, auf das wir lange warten mussten: Adam Soboczynski reist durch Deutschland und Polen“ in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 7.September 2006 erschienen war.  

Bisky schreibt: „Es (das Buch - Anm. d. Red.) erzählt deutsch-polnische Geschichten aus der Perspektive des unbeteiligt Verstrickten, aus dem Erleben dessen, der in beiden Kulturen gleichermaßen zuhause und fremd ist...Soboczynski stellt Klischee gegen Klischee, Selbstbild gegen Fremdbild, ergänzt um Beobachtungen, Bruchstücke der Realität, die auf diese Weise – wie in einem Spiegelkabinett – deutlich und scharf konturiert erscheint.“

 

T.S.
Zu Günter Grass

In unserer „Gazetka“ gehörte Günter Grass stets zu den positiven und gelobten Künstlern der Gegenwart, zu einem herausragenden Anwalt der deutsch-polnischen Verständigung. Nach seinem Bekenntnis, in der „Waffen-SS“ gedient zu haben, macht sich auch bei uns gewisse Enttäuschung über sein langes Schweigen darüber breit. Mit großem Interesse verfolgten wir die Debatte über Grass in den deutschen Medien. Darauf wollen wir nicht näher eingehen. Bemerkenswert erscheint uns aber ein Artikel im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 25.August 2006, bemerkenswert, weil sein Autor Stefan Chwin heißt, selber Schriftsteller, in Gdansk nach dem Krieg geboren und auch in Deutschland bekannt. 

Seine unter der Überschrift „Grass und das Geheimnis. Literatur muss mit der Moral spielen“ veröffentlichten Gedanken sind zwar nicht unumstritten, liefern aber auch überzeugende Passagen. Schreibt er doch: „Wir lernten von ihm (G. Grass, Anm. d. Red.) die antitotalitäre Haltung, die Freiheit des Denkens, die Grenzenlosigkeit der Einbildungskraft. Aber auch die Kunst des Vergebens.“ Es folgen weitere kluge Sätze bis Chwin gegen Ende seiner Stellungnahme festhält: „Ein Schriftsteller mit Flecken auf dem Lebenslauf hat durchaus das Recht, anderen ihre Lebenslaufflecken vorzuhalten“ und dann weiter, er habe „das Recht, seine Biographie zu kreieren, sie zu enthüllen, sich zu verstecken, die Spuren zu verwischen, vor unseren Augen seinen komplizierten, ...inkonsequenten, verworrenen Lebenslauf zu formen, den er niemals vollkommen preisgeben wird.“ Man kann die Meinung teilen oder nicht. Es muss aber möglich sein, auch mit schlimmen Phasen eines Lebens mit ausreichender emotionaler Distanz umzugehen. Die Wahrheit findet sich immer transzendent gegründet, zumindest laut Jaspers.

Die Redaktion

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Zum wiederholten Mal haben Unbekannte das historische Grabmal von Karol Loeckell auf dem Neuköllner St. Michael Friedhof geschändet. Die Inschrift in polnischer Sprache wurde, wie auf dem Foto zu sehen, beschmiert und teilweise mit Meißel entfernt.
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15.10.2006 16:25:30

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