GAZETKA
Informationen des Polnischen Kulturvereins und der Vereinigung der Polen in Berlin über Ereignisse aus dem deutsch-polnischen Kulturleben 15/10/06
Berlin październik / Oktober 2006

Nr. 62

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Gedanken

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Ereignisse in der Welt, Reisen, persönliche Erlebnisse und nicht zuletzt das Wetter die Häufigkeit und die Tiefe der eigenen Gedanken stark beeinflussen. Es ist müßig von der Bedeutung des Wetters auf das eigene Gemüt zu schreiben, von der damit verbundenen Fähigkeit zum Nachdenken. Denn die Sonne beschwingt, macht denkfaul und glücklich, die Dunkelheit dagegen macht eher lustlos, vielleicht depressiv, zwingt aber zum Nachdenken. 

Zu den persönlichen Erlebnissen zähle ich das Empfinden der eigenen Gesundheit, den sehr seltenen und meist bescheidenen Gewinn im Lotto sowie die Stromrechnung, die steigt und steigt. Also wieder all- und immergleiche Stunden und Tage in unserem Leben. Und die Variationen unserer Gedanken diesbezüglich sind entsprechend langweilig und unergiebig.

Reichhaltiger gestaltet sich das Denken beim Reisen. Hierbei nimmt die Landschaft nicht nur einen deutlichen Einfluss auf unser emotionales Empfinden. Sie bewegt uns freudig, manchmal lässt sie uns über Vergangenes, manchmal über Zukünftiges nachdenken. Wir sind ob des Wechsels der Umgebung in unserer geistigen Bedeutung wesentlicher, aktiver zumeist. Wir mögen dabei das Außen bewundern oder kritisieren, auf jeden Fall setzen wir uns damit auseinander. Das habe ich bei meiner letzten Reise nach Polen gemerkt, wo mich mein geistiger Teil fast schon folterartig hin und her bewegte. Da war die liebliche grüne Landschaft, da waren  sonntäglich gelang-weilte Dörfer mit vielen neuen Reklame-schildern, da waren sehr viele Autos unterwegs. Und zwischen Regen und Sonne inmitten der vertrauten polnischen Sprache dachte ich zwanzig oder dreißig Jahre zurück, vielleicht auch fünfzig, als Polen noch mein jüngeres oder auch jugendliches Polen gewesen war. Als es noch ein beschauliches Land gewesen war ohne diese vielen Autos und Reklameschilder.

- Es ist banal, alle stürzen sich auf diese Technik, die Werbeschilder, den Fortschritt, die Veränderung, die sie stört, als stünde es Osteuropa diese Veränderung nicht zu, als sollte sie für immer ein Museum bleiben-.

Und es geht nicht um ein rückständiges Polen, was ist schon rückständig. Es geht um ein Land der Dichter und Künstler, ein Land der kaum vorhandenen Möglichkeit, etwas aus eigener Kraft zu bewegen, ein in sich selbst verliebtes Land, in seinem vermeintlichen Unglück doch ein glückliches Land, das es trotz aller Geschichte gewesen war. Denke ich. Dann denke ich, dass mich Herr Stasiuk vielleicht beeinflusst mit seiner Reise nach Babadag, oder einfach nur das Alter, das immer zur Jugend hin will, wenn es fortgeschritten ist und es in der Erinnerung fast nur noch buntfarbene Augenblicke kennt.

Ich sehe das Land, das zwar ästhetisch durch all die plastikbeschichteten Dinge, all den den Konsum  anpreisenden Müll verstört zu sein scheint, das in der Tiefe jedoch seine ruhige, unspektakuläre Schönheit bewahrt hat, sich ergibt stoisch und majestätisch dem Tun seiner Menschen. Im Grunde sehe ich das Herz dieser polnischen Landschaft, nicht bloß sein Abbild. Es ist wohltuend.

Ich glaube, dass es eine große Verbindung gibt zwischen der nackten Landschaft, ihrem Atem und dem Empfinden ihrer Bewohner, die allerdings erst nach dem Verlust der Landschaft entsteht. Spät. Später. Dann ist es eine aufrichtige Liebe.

Es gibt Augenblicke dieser Liebe, die die Ereignisse in der Welt einfach ignorieren. Dann strahlt das Land und ist gar nicht beleidigt wegen Günter Grass, wegen der Pläne des Ministers Giertych, wegen Frau Steinbach und anderer völlig überflüssigen Aktionen irgendwelcher wichtigen Menschen. Dann verbünden sich das Land und der Mensch und möchten nur noch in Ruhe gelassen werden. Das ist zwar apolitisch, doch hin und wieder  sehr notwendig. Wegen des geistigen Gleichgewichts, denn viele Ereignisse sind so geistarm. Darüber aber das nächste Mal.

Bonifatius Stopa
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15.10.2006 16:14:22

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