GAZETKA
Informationen des Polnischen Kulturvereins und der Vereinigung der Polen in Berlin über Ereignisse aus dem deutsch-polnischen Kulturleben 26/03/06
Berlin marzec / März 2006 Nr. 61
Gedanken

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Niemals wird man wahrscheinlich den wahren Wert unseres Daseins ermitteln können. Und niemals werden die Dichter, Philosophen und alle anderen Menschen, wobei diese Bezeichnung hier keine Diskriminierung für alle anderen Menschen sein soll, eine ganz treffende Beschreibung unserer Welt und vor allem unserer emotionalen und subjektiven Empfindung für sie abgeben können.

„Im Grunde besteht die Welt, von wo aus wir sie auch anschauen, aus Unerträglichkeit.“ Das ist ein durchaus ernst gemeinter Satz aus Thomas Bernhards  Erzählung „Ungenach“. Nun ist es ausreichend bekannt, dass Thomas Bernhard trotz schöner und  sinnvoller schriftstellerischer Arbeit die Welt niemals vor dem Untergang schützen wollte. Es sei denn durch seinen Pessimismus und Abneigung gegen die Gesellschaft. Dennoch finde ich jenen Satz einiger Gedanken wert, hat das neue Jahr vor Kurzem begonnen und das auch gar nicht so schlecht begonnen.

Also unerträglich soll sie sein, diese Welt. Ja, das ist sie in der Geschichte, also Vergangenheit, gewesen. Zeitweise. Das ist sie auch heute, zeitweise. Sie ist es im irakischen Bürgerkrieg, in Somalia, wo der Hunger und kriegerische Handlungen das Leben so unerträglich machen, das ist sie teilweise im Nahen Osten und überall. Und auch bei uns spart sie nicht mit unangenehmen, manchmal unerträglichen Ereignissen, mit Armut, Rassismus oder Unglücken verschiedener Art. Es gibt zu viele Beispiele dafür, und alle sind ja hinreichend bekannt.

Was ist aber mit dem Erträglichen, dem Angenehmen, dem Schönen und nicht zuletzt mit dem Hoffnungsvollen? Sind denn unsere alltäglichen Erlebnisse nicht bedeutungsvoll und gleichzeitig schön? Die Frage ist überflüssig, denn die Antwort gleichsam bejahend. Nein, hierbei ziele ich auf etwas anderes, etwas, was sich unseren Augen nicht entziehen darf. Seit über einem Jahr lebt und entwickelt sich prächtig „Das Haus der Polen“ („Dom Polonicum“).

In der Potsdamer Strasse steht es und bietet Tag für Tag die Gelegenheit, das Polnische aus Berlin und das Polnische aus Polen unmittelbar zu erleben. Es ist ein endlich wahr gewordener Traum von einer ständigen und immer zugänglichen, präsenten Einheit der Berliner Polonia. Mit unzähligen Veranstaltungen wirbt das Haus für sich und gewinnt. Macht unser Dasein aus der Sicht der Polonia nicht nur erträglicher, sondern angenehmer, kultureller, heimischer. Es provoziert zumindest bei älteren Bewohnern dieser Stadt, die lange ein polnisches Haus für unverzichtbar hielten, das Gefühl der höchsten Zufriedenheit.

Frau Aleksandra Proscewicz, Chefredakteurin der Zeitschrift „Kurier Polonica“, gleichzeitig Gastgeberin des Hauses, macht uns Mut in ihrem Leitartikel vom Dezember 2005. Eine Zusammenarbeit des Hauses mit der Oper vom Schloss Szczecin in Stettin ist nur ein Beispiel der vielen Aktivitäten, wenn auch ein herausragendes. Der Polnische Kulturverein hat bereits das Polnische Haus zu seinen regelmäßigen Treffen auserwählt. Bleibt nur zu hoffen, dass die zahlreichen polnischen Organisationen in Berlin sich sehr konkret zu dieser Einrichtung bekennen und deren Existenz in jeder Form unterstützen.

Und was verbindet den Satz Bernhards mit dem Polnischen Haus? Es ist zumindest seine teilweise Widerlegung. Die Welt wird immer irgendwie unerträglich bleiben. Es ist die Aufgabe der Dichter, den Zustand der Welt anzuprangern, zu übertreiben, damit wir, die Welt, es widerlegen können durch Taten, die diese Welt erträglicher machen. Selbst um den Preis ständiger Niederlagen und Frustrationen. Manchmal genügen kleine Schritte, um aus dem farblosen Dasein ein farbiges zu schaffen. Das „Haus der Polen“ ist nicht nur eine Hoffnung. Es lebt.

 

Bonifatius Stopa

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26.03.2006 17:31:54

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