GAZETKA
Informationen des Polnischen Kulturvereins und der Vereinigung der Polen in Berlin über Ereignisse aus dem deutsch-polnischen Kulturleben 16/10/05
Berlin październik / Oktober 2005 Nr. 60
Gedanken strona 4

„Was ist mit uns geschehen“ titelt die polnische Wochenzeitung „Polityka“ am 3.9.2005, „25 Jahre nach Ereignissen, die Polen erschütterten“ titelt „Newsweek Polska“ vom 4.09.2005. Die Presse, auch die deutsche, huldigt der Zeit in Polen vor 25 Jahren. Damals in einem Land des sogenannten Ostblocks entstand die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc. Viele Erinnerungen werden wach. Das Meer aus alten Fotos und Filmbeiträgen verstärkt unser visuelles Gedächtnis zusätzlich. Bilder des Damals, Stimmen, Wörter, Sätze, schließlich eigene furchterfüllte Gedanken, Sorgen vor der Zukunft, die wir im Sommer 1980 hatten, werden in diesen Tagen wieder irgendwie lebendig.

Manchmal muss Nietzsches Aufforderung, sich mehr dem Heute und dem Morgen zu widmen und der Vergangenheit zu entledigen, außer Acht gelassen werden. Es ist allzu richtig immer wieder der Geschichte, die gewordene Wahrheit bedeutet, zu gedenken.

Selten gab es wohl damals Menschen, die geglaubt hatten, die Gründung der Gewerkschaft Solidarnosc würde letztendlich die Welt verändern, ihr innerhalb eines Jahrzehnts zu mehr Freiheit und Gerechtigkeit verhelfen, eine ganze Reihe totalitärer Staaten reformieren und demokratisieren. Ich glaube, eher Furcht vor blutigen Aktionen der damaligen kommunistischen Regimes beherrschte unsere Gedanken denn Zuversicht. Wir freuten uns über den Mut der polnischen Arbeiter und Intellektuellen, endlich das zu fordern, was gottgegeben und selbstverständlich uns allen erschien. Also in Freiheit zu leben, in Selbstbestimmung. Aber wir hielten im Stillen die Forderungen für gefährlich angesichts des auf Unterdrückung und Überwachung ausgerichteten Sicherheitsapparates in allen Staaten des Warschauer Paktes. Wie sollte es dazu kommen, dass die Regierenden und Privilegierten ihre Macht auf friedlichem Weg abgeben und anderen das Gestalten und Regieren überlassen? Und in der Tat folgte ein Jahr später die Ausrufung des Kriegsrechts mit allen seinen Opfern.

Jetzt, 25 Jahre später wissen wir, dass der Mut und Glaube dieser Menschen von der polnischen Ostseeküste und anderen Industriezentren geholfen haben, Osteuropa im Sinne humanistischer Ideale zu verändern, nahezu zu revolutionieren.

Die Geschichte, letztlich nicht nur die Geschichte der polnischen Solidarnosc beweist, dass es ohne Zweifel nur einen richtigen Weg geben kann. Es ist der Weg, auf dem wir uns kompromisslos für die wertvollsten Ideale des menschlichen Daseins, für das Leben in Freiheit und Würde einsetzen und nicht verzweifeln. Trotz des Opfers, das wir auf dem Weg dorthin zu tragen haben.

So sehe ich bei dieser Gelegenheit auch unsere kleinen Engagements im Alltag, die Früchte tragen müssen, wenn sie mit der nötigen Überzeugung und auf der Grundlage geltenden demokratischen, also humanistischen Rechts, erfolgen. Heute, inmitten des längst begonnenen Verteilungskampfes in der Welt und in der innerstaatlichen Gesellschaft, sei es in Deutschland, Polen oder anderswo, dürfen wir nicht zulassen, dass der wohl naturgegebene Egoismus obsiegt und wir trotz der gelungenen Reformen, der EU und der Globalisierung nicht in Richtung isolationistischer Tendenzen geraten.

Wenn ein CDU-Ortsvorsitzende von Ausländern als von „einem Tumor“, der „herausoperiert“ werden müsse, spricht, so ist dieser Haltung ein äußerer und ein innerer, mentaler Widerstand ohne Kompromisse zu leisten. Die innere Bereitschaft für die humanistischen Ideale zu kämpfen, darf gerade in Zeiten, die dauerhaft Frieden und Demokratie versprechen, nicht erlahmen. Ohne diese Bereitschaft kann es sehr schnell geschehen, dass wir zu Instrumenten nationalistisch oder dirigistisch ausgerichteter Organisationen werden. 

Die damals so unerschrocken handelnde Solidarnosc, auch wenn sie später einiges von ihrem Glanz abgeben musste, sollte uns ein Beispiel dafür sein, dass letztlich die Idee der in Würde, Gerechtigkeit und Freiheit lebenden Gesellschaft die unumstößliche ist und für uns die beste. Die Versuche, alte und fragwürdige Lebensformen zu propagieren und dabei die terroristische Bedrohung auszunutzen, müssen scheitern. Wir sind die Souveräne, die auf den kleinen Bühnen des Alltags allen Formen des Nationalismus und wie auch immer gearteten Rassismus eine Absage erteilen.

Bonifatius Stopa

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16.10.2005 17:53:50

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