GAZETKA
Informationen des Polnischen Kulturvereins und der Vereinigung der Polen in Berlin über Ereignisse aus dem deutsch-polnischen Kulturleben 24/04/05
Berlin kwiecień / April 2005 Nr. 59
Gedanken

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In der „Zeit“ vom 17.März finde ich ein Interview mit Aharon Appelfeld, einem israelischen Schriftsteller, der über vieles redet, vor allem über seine eigene Geschichte und Israel. Es ist sehr interessant, weil es auch darum geht, wie seine Einwanderung nach Israel und weitere Assimilierung verlaufen waren. Und dann fällt der Satz-„Wir (jüdische Einwanderer, Red.) wollten ´normal´ sein“. Ganze Erinnerungen wurden weggeschlossen, wie in einem Keller landete die Zeit vor der Einwanderung, die Zeit mit den Eltern, mit dem früheren Zuhause. „Das Programm hieß: Neuer Jude, neuer Ort, neues Land.“ Dann hatte Appelfeld den Keller geöffnet, weil er kein halber Mensch sein wollte, als der er sich fühlte. Wenn man den Keller öffnet, hat man alles zurück, die Eltern, Großeltern, die Vergangenheit.

Wenn ich das so lese, denke ich an die vielen Schicksale polnischer Emigranten oder der so genannten Spätaussiedler und Touristen, die für immer hier geblieben waren, in diesem großen und reichen Land, die hinter sich gelassen hatten die allgegenwärtige Muttersprache, die gewohnten Sitten, die gewohnte Wärme, die Identität. Plötzlich wurden sie zu Gefangenen der eigenen Träume, Erwartungen und vor allem Zwänge. Der größte und selbstauferlegte Zwang war der ökonomische Erfolg. Diesen galt es zu erreichen und zu beweisen, sich selbst zu beweisen und den Freunden und Verwandten in der alten Heimat. Es hatte sicherlich auch viel Leid gegeben und Leiden. Beides wurde verschwiegen und versteckt. Die Zugereisten wurden hier Fremde, ausgesetzt neuen Anforderungen, neuer Sprache, ausgesetzt einer anderen gesellschaftlichen Ordnung. Sie suchten die Normalität, Anerkennung, Gleichheit. Das erwies sich als nicht einfach. Wahrscheinlich ist die Normalität meistens rasch gelungen, manchmal jedoch nicht. Mittlerweile liegen viele Jahre zwischen dem Verlust des Alten, dem Verlust der sozialen Anerkennung und dem Heute. 

Zwar findet seit Jahren ein politischer und ökonomischer Ausgleich zwischen den Ländern statt. Doch die nationale Eigenart, zumeist sprachlicher Natur, wird bleiben. Es wird auf jeden Fall bleiben die mitgenommene Wurzel des ursprünglichen Zuhause. Ein Zuhause zu finden ist nicht schwierig, der Ursprung ist aber einmalig, singulär. Wie sind wir damit umgegangen? Wie haben wir es bewältigt? 

Die Zeit ist günstig, die eigene Vergangenheit wieder ans Tageslicht zu bringen, sich ihrer zu versichern, sie gegenwärtig zu machen. Auch wenn uns das Leben in vielen Fällen gezwungen hatte, einen Schlussstrich zu ziehen unter das Vergangene, unter das Polnische, manchmal das Sozialistische, die Jugend oder frühes oder spätes Erwachsensein, irgendwann ist es an der Zeit den verloren geglaubten Teil des Früher zu öffnen, vielleicht es öffentlich zu machen, aufzuschreiben, sich mitzuteilen. Aber haben wir den Mut dazu?

Das Schicksal Aharon Appelfelds ist wesentlich tragischer und nicht vergleichbar mit unseren Wegen. Er gibt aber ein Beispiel dafür, dass es wesentlich ist, die Verbindung der Vergangenheit mit der Gegenwart und mit der Zukunft nicht aufzuheben, sondern zu leben, in welcher Form auch immer.

Bonifatius Stopa

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24.04.2005 19:24:21

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