GAZETKA
Informationen des Polnischen Kulturvereins und der Vereinigung der Polen in Berlin über Ereignisse aus dem deutsch-polnischen Kulturleben 18/12/04
Berlin grudzień / Dezember 2004 Nr. 58
Gedanken strona 2

An diesen immer länger werdenden Herbstabenden nimmt die Tendenz nachzudenken bedeutend zu. Stelle ich fest. Zumal in der Welt keinerlei Ruhe einkehren will, trotz der an die Moral und Toleranz und Frieden appellierenden Schar von Politikern und Intellektuellen. Trotz EU und Friedenstruppen, die mittlerweile an verschiedenen Orten und auf verschiedenen Kontinenten agieren. Da stoße ich in der „Süddeutschen Zeitung“ auf eine interessante Besprechung eines soeben in Frankreich erschienenen Buches von Andre Glucksmann. Bereits der Titel sprüht eine gewisse Faszination aus – „Le discours de la haine“, auf deutsch „Der Diskurs des Hasses“. Dieser herausragende französische Philosoph konstatiert, wie es der Rezension von Joseph Hanimann zu entnehmen ist, „dass blinde Wut nicht einfach Entgleisung einzelner Frustrierter und Gedemütigter ist, sondern als Anlage zum „Bösen“ in uns allen ruht...“. Ist das so, frage ich mich. Aber diese Frage stellen Dichter, Philosophen und Soziologen und möglicherweise wir alle seit Jahrtausenden, ohne eine absolut verbindliche und überzeugende Erklärung dafür abgeben zu können.

Am 1.November 2002 wurde der Obelisk von Karol Loeckell eingeweiht. Darüber haben wir mehrmals berichtet. Die auf Polnisch verfasste und durch Spenden erneuerte Inschrift überdauerte unbeschadet gerade ein Jahr und sechs Monate. Heute findet sich ein von sämtlichen polnischen Schreibzeichen  „befreiter“ Obelisk. Es ist eine Zerstörung, eine Friedhofsschän-dung gewissermaßen, wie sie unzählige Male auf der ganzen Welt geschieht, und das nicht nur an jüdischen Einrichtungen. Oder ist das ein bewusster Angriff auf das Polni-sche in Deutschland? Dieses bewegt mich und provoziert die oben gestellte Frage nach dem Grund des Hasses. Sind wir nur zeitweise dumm und zerstörerisch? Tragen wir in uns den Hass als angeborene Eigenschaft?  Oder verklären wir das Eigene und dulden das Fremde nicht? Oder zwingt einige von uns die letztendlich allgegenwärtige Langeweile zu solchen Taten, die selbst die Toten von dem Hass auf Anderssein nicht verschonen?

Andre Glucksmann scheint mit ziemlicher Selbstüberzeugung festzustellen, dass wenn ich hasse, dann bin ich. Es ginge nicht anders. Er scheint keine Illusionen von der Weltverbesserung mehr zu haben. Es könne nur noch schlimmer werden. Vielleicht ist es auch so. Dennoch will ich trotz aller philosophischer Argumentation mich damit nicht abfinden. Bei aller philosophischer Resignation in Sachen Humanes dürfen wir nicht aufhören, das Humane zu suchen, zu fördern und zu verlangen. Und das Humane endet bereits bei der Zerstörung einer Inschrift, zumal sie nicht in der Landessprache verfasst ist. Die Frage nach dem Warum wird vermutlich für immer unbeantwortet bleiben. Die Information darüber muss aber öffentlich werden. Vielleicht wird doch eines Tages der Hass auf das Anderssein aufhören. Das zu belegen fällt jedoch schwer. Bei aller noch nicht aufgegebenen Hoffnung werden wir in Erwartung weiterer Schändung auf die Wiederherstellung der Inschrift verzichten. Somit siegt das Absurde und wir beginnen zu resignieren. Oder?

Bonifatius Stopa

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18.12.2004 20:12:55

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