GAZETKA
Informationen des Polnischen Kulturvereins und der Vereinigung der Polen in Berlin über Ereignisse aus dem deutsch-polnischen Kulturleben 24/07/04
Berlin lipiec / Juli 2004 Nr. 57
Gedanken

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  Am Ende des großartigen Romans „Der Idiot“ von Dostojewskij sagt Lisaweta Prokofjewna – „Genug der Schwärmerei, es ist Zeit, dass die Vernunft wieder zu ihrem Recht kommt. Und das alles, dieses ganze Ausland und euer ganzes Europa ist bloße Phantasie, und wir alle im Auslande sind auch nur Phantasie ... denkt an meine Worte, ihr werdet es selbst einmal sehen!“. Das war im Jahre 1868. Dostojewskij irrte in seinen Werken selten. Dieses hier gänzlich aus dem Zusammenhang gerissene Zitat lässt mich dennoch ein wenig nachdenklich werden.

Vorgestern noch saß ich in der Sonne und im Wind Portugals. Es war der Sonnabend vor der Europawahl. Ich habe gedacht einfach so an Buchstaben, die Wörter oder ganze Begriffe eröffnen und also Assoziationen geradezu aufzwingen. „P“ wie Portugal, „P“ wie Polen. Ein Spiel, hinter dem Geschichten stehen, oder aber bei dem man Geschichten entstehen lassen kann. Oder aber, wie hinter „P“ wie Portugal und Polen eine große, manchmal tragische und manchmal beglückende Geschichte bereits steht und niemand weiß, wie sie sich weiter entwickelt. Einerseits. Andererseits habe ich mich gefragt auf diesem äußersten Flecken Europas und an meine früheren polnischen Jahre inmitten des Kontinents denkend, ob es doch nicht an der Zeit sei, an die Zukunft, die eine unmittelbare Geschichte mit jedem Tag und jeder Stunde sein wird, mit einer ganz und gar positiven Erwartung heranzugehen, weil die Zeit neben den vielen unangenehmen Ereignissen einen Boden geschaffen hatte, auf dem eher Frieden und eher Freundschaft gedeihen können denn Hass und Zerstörung. Schließlich sind wir dabei, von Lissabon bis Tallinn und Helsinki eine große europäische Gemeinschaft zu festigen.

Heute ist der Tag nach der Europawahl. Heute sitze ich in von Wolken bedecktem Berlin und stelle fest, dass die Gespräche und Kommentare in sämtlichen Medien die Bedeutung dieser Wahl auf innenpolitische Ebene reduzieren, und die Bedeutung das Europaparlament nur einen vagen Hintergrund schafft. Für eine europäische Euphorie ist es also zu früh. Europa als Identität stiftender Begriff hat sich noch nicht durchgesetzt. Wir brauchen also immer noch Deutschland, um unser Glück als Deutscher zu suchen, Polen, um uns als Pole zu fühlen und Dänemark, um als Däne die dänische Fahne zu halten und unsere wahre Zugehörigkeit zu betonen. Nicht Europa ist unsere Heimat, sondern Frankreich oder Litauen sind es. Ist das richtig so? Wird es auch in fünfzig Jahren so sein? Stiftet nur die Sprache die notwendige Identität? Fühlen wir uns lediglich in gedanklich und räumlich überschaubaren Räumen heimisch? Werden wir hinter dem Buchstaben „P“ als Polen zuallererst Polen denken und selten Portugal abstrahieren als etwas Heimisches? Oder kommen wir einmal dort an, wo andere Orte und andere Sprachen auch unsere Heimat bedeuten, weil Europa unsere Welt ist und unsere Heimat? Oder ist es gar naiv, dieses zu erwarten oder zu fordern?

Bonifatius Stopa

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24.07.2004 21:00:18

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