GAZETKA
Informationen des Polnischen Kulturvereins und der Vereinigung der Polen in Berlin über Ereignisse aus dem deutsch-polnischen Kulturleben 07/03/04
Berlin luty / Februar 2004 Nr. 56
Gedanken

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Das alte Jahr endete gar nicht so gut für mein Gemüt. Über das Neue mache ich mir heute noch keine Sorgen, obwohl als sehr wahrscheinlich gilt, dass auch dieses Jahr nicht glänzen wird mit bloßer Glückseligkeit. Was ist geschehen? Am 16.12.2003, also kurz vor dem Ende des Jahres und gewissermaßen als Bilanz, erschien in der „Sueddeutschen Zeitung“ ein Artikel von Gernot Wolfram. Schon der Titel machte einen gedämpften Eindruck. Die Überschrift „Grenzgemurmel“ versprach eher Schlechtes als Gutes. Noch schlimmer lautete der Untertitel – „Erregtes deutsch-polnisches Misstrauen im Oder/Neiße-Gebiet“. Und in der Tat war der ganze Text ein wenig ermunternder Bericht über die heutige deutsch-polnische Freundschaft. Über Einzelheiten will ich schweigen, nur so viel sei angemerkt, die Nachbarn leben momentan nicht die größte Liebe und die Presse der Grenzregionen scheint kein großes Interesse an der Verbesserung des Klimas zu haben.

Jetzt beginnt ein Dilemma. Nach Jahren des steten Wachstums an Zuneigung zueinander kühlt sich die Beziehung ab. Ist das eine natürliche und vorübergehende Stagnation, wie sie in allen Bereichen des Lebens stattfindet? Oder ist der Trend dauerhaft und mit höchst unangenehmen Folgen für die nächste Zukunft verbunden?

Wir wissen, dass Prognosen in politischen Fragen manchmal sehr schlecht zu machen sind, meistens aber sind sie berechenbar. Hier haben wir mit harten Interessen zu tun, aber auch mit Menschen, mit Politikern, die das tägliche Handeln als Geschäft oder Tausch sehen und durchaus in der Lage sind, ohne Emotionen für halbwegs ausgeglichenes und gerechtes Ergebnis zu sorgen. Somit können wir davon ausgehen, dass die deutsch-polnischen Beziehungen auf der politischen Bühne eine gute, gar glückliche Wendung nehmen werden. Hier helfen auch Europa oder die EU, oder schlicht die Notwendigkeit. Was ist aber mit den anderen Beziehungen, mit den zwischenmenschlichen, mit den zwischen Herrn Schmidt und Herrn Kowalski, zwischen Görlitz und Zgorzelec. Hier geht es nicht um dialektischen Austausch zwischen aufgeklärten, vernunftbetonten Subjekten. Hier stoßen aufeinander Menschen, die mit einer ganzen Fülle an Emotionen und Vorurteilen, mit Sorgen um das tägliche Überleben und eigenen Minderwertigkeitskomplexen behaftet sind. Hier treten geschichtlich bedingte Klischees zutage, Pseudowahrheiten über den jeweils anderen. Und das macht mir Sorgen.

Es ist bekannt, dass uns die Ereignisse in der nächsten und unmittelbaren Umgebung am meisten prägen. Quasi zu Hause werden wir sozialisiert und gleichzeitig sensibilisiert.. Wenn aber das Zuhause, und hier meine ich auch die Lokalpresse, anfängt, abschätzig über den anderen zu berichten, so provoziert es gleichzeitig eine Rückkehr in die vergangen geglaubten Animositäten. Ich glaube, dass gerade hier eine besonders behutsame Berichterstattung und Kommentierung angebracht sind. Und das bei allem Hang zur Wahrheit.

Gernot Wolfram erwähnt im Übrigen den schönen deutschen Begriff des Augenmaßes, den er auch im Leben fordert. Etwas Schöneres kann man sich im neuen Jahr wahrhaftig nicht wünschen. Zumindest nicht in der deutsch-polnischen Nachbarschaft.

Bonifatius Stopa

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07.03.2004 19:56:31

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