GAZETKA

Informationen des Polnischen Kulturvereins und der Vereinigung der Polen in Berlin über Ereignisse aus dem deutsch-polnischen Kulturleben

05/30/03

Berlin   marzec - maj/März-Mai 2003

Nr 54

 

 

 

 

Gedanken

Strona 5

Wenn Hegel sagt, eine Leere sei auch Fülle, so könnte das vielleicht dahin interpretiert werden, dass wir uns im Leben einfach beruhigt zurücklehnen und so doch zufrieden sein können. Natürlich ist es mehr als vereinfacht. Natürlich dürfen wir die Philosophie Hegels nicht auf diese Aussage reduzieren. Und dieser Satz fällt mir ein beim Nachdenken über uns und das Gestrige und das Heutige und das Nahe. Ist es eine Leere? Und wenn sie ist, ist sie dann auch Fülle? Natürlich denke ich schon wieder an uns in der Polonia. Es ist eine Art Leidenschaft, die entstand vor vielen Jahren und sich fortsetzt bis heute, und begleitet wird von nicht unerheblicher Eitelkeit. Es ist aber, wie ich glaube, eine gesunde Eitelkeit, denn sie schließt nicht nur mich ein, sondern eben die Polonia. Sie schließt insbesondere dieses Blatt ein, das meine Gedanken beherbergt. Da ist jene Assoziation mit der Leere, die keine vollständige ist. Sie könnte kleiner sein. Da helfen aber Hegel und seine Fülle.

 „Gazetka“ wird in diesem Jahr 15 Jahre alt werden. Sie entstand damals, um eine Leere zu füllen, winzig zu füllen, und doch zu füllen. Damals, im Jahr 1988, gab es zwar den Polnischen Kulturverein. Seine Geschichte verlief aber ohne nach außen sichtbares Zeichen seines Tuns. Wie auch immer. Es gab trotz zahlreicher polnischer Vereine kaum einen Versuch, ihre Aktivitäten festzuschreiben, oder sie vielleicht zu erweitern, manchmal gar zu vitalisieren. Da wurde die Idee geboren, ein bescheidenes Blättchen zu gründen, dass ohne große Mittel zur Chronik des Vereins und der polnischen Aktivitäten in Berlin wird. Ausgestattet mit einer Schreibmaschine begannen wir diesen Versuch des Präsenzzeigens und des Werbens für uns, für Polonia.

Selbstlob ist nicht gut. Sentimentalität ist nicht besser. Dennoch, in dieser bewegten und sich in der Pseudo-Fülle der Bildüberflutung befindenden Zeit bedarf es unseren Mutes, um nicht unterzugehen mit den Ideen der lebenden und vor allem lebendigen polnischen Kultur in dieser Stadt, in dieser Welt. Die Werte einer jeden Kultur verlieren in dieser Zeit ihre Identität, weil gewollt oder nicht gewollt das Leben seiner Oberfläche entgegen steuert. Weil unser Drang zur Bequemlichkeit mit jedem Fortschritt sich vervielfacht. Weil irgendwann wir zu Gefangenen der Massenkultur werden, die vielleicht gar den Namen Kultur nicht mehr verdient. Weil irgendwann niemand mehr wissen wird, dass es Polonia gibt, wenn es sie noch gibt. Weil die Vielfalt der polnischen Formen in Berlin untergeht zugunsten einer übermächtigen einzigen Institution, die niveauvoll aber monopolartig entscheidet, was Kultur ist und zu leisten hat.

Der Reichtum des Lebens ist im Wesentlichen auch der Reichtum an Individuen, ihre Verschiedenartigkeit und ihre Autonomie. Berlin beweist seine Reichtümer mit immer noch enormer Vielfalt kultureller Ausdrucksformen, ihre Präsenz. Auch die polnische Gemeinde ist immer noch gegenwärtig. Zu wünschen wäre, dass die Anwesenheit polnischen Kulturlebens nicht beschränkt bleibt auf das Polnische Institut, sondern gedeiht auch in vielen kleineren Formen, die vielleicht das Gros und den Kern polnischer Seele in dieser Stadt ausmacht. Somit sollte auch dieses Blättchen nicht untergehen. Auch nicht nach 15 Jahren als Senior unter den Unbedeutenden...

Bonifatius Stopa

 

 

 

 

 

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