GAZETKA

Informationen des Polnischen Kulturvereins und der Vereinigung der Polen in Berlin über Ereignisse aus dem deutsch-polnischen Kulturleben

05/29/03

Berlin grudzień - luty/Dezember-Februar 2002/2003

Nr 53

 

 

 

 

Gedanken

Strona 4

Die Überschriften im Sinne „Polen gehört der EU an“ haben sich mittlerweile überlebt. Das heißt, dass ihnen nicht mehr die Aura des Sensationellen oder Außergewöhnlichen oder Neuen innewohnt. Die Tatsache der vollständigen Europazugehörigkeit Polens, wobei das Adjektiv des Vollständigen wesentlich ist, ist Alltag geworden. Der Weg dorthin bei weitem nicht. Und obwohl Polen immer schon Europa gewesen war, so stand es doch für Osteuropa, für das eher Mystische, zumindest ein wenig Andere, Abseitige.

Neuerdings strahlte die ARD eine vierteilige Dokumentation „Deutsche und Polen“ aus, die auf eine besonders eindrucksvolle, sehr farbige Weise die Geschichte Polens und der Polen seit dem Treffen zwischen dem polnischen Herzog Boleslaw und dem deutschen Kaiser Otto III. bis heute  gezeigt hatte. Es ist eine reiche, reizvolle, spannende aber auch grausame Geschichte. Es ist eine Geschichte Polens, das unentwegt vom Geschehen in Deutschland wenn schon nicht ganz abhängt, doch wenigstens wesentlich beeinflusst wird. Ein sehr geschätzter Journalist und exzellenter Kenner Polens schrieb davon, dass es in ganz Europa keine weiteren Beispiele gibt dafür, „dass sich zwei Völker so ineinander verbissen haben“. Und dieses „Ineinander – Verbissen“ ist vielleicht ein sehr prägsamer Ausdruck, nicht sehr schön, aber prägsam und zutreffend.

Diese ARD-Dokumentation veranschaulicht, welchen hohen Preis jene Nationen zu entrichten haben, die nicht durch die Gnade des Zufalls von vornherein zum Zentrum gehören, jenem transzendenten Zentrum, von dem aus die Welt ihren Fortschritt nimmt, zumindest einen vermeintlichen. Der Preis wird natürlich nicht nur oktroyiert durch andere. Er ist zum Teil das Ergebnis eigener Verfehlungen und Eitelkeiten. Beim Anschauen der Fernsehbilder wurde mir klar, dass die Tausend Jahre seit Damals viel Leid, Unrecht und Opfer mit sich brachten. Sie lieferten allerdings auch jene Ingredienzien, die eine Nation erst definieren, sie in ihrer Einmaligkeit auszeichnen und zur Autonomie zwingen. Die Zufälle der Geschichte, so absurd sie auch sein mögen, helfen dabei auch bei der Entwicklung der geistig-wirtschaftlichen Gegebenheiten und stärken möglicherweise auch das Fundament, auf dem die Zukunft gedeihen kann. So ist die Zukunft Polens in der europäischen Gemeinschaft durch die leid- und verhängnisvolle Vergangenheit sicherlich optimistischer einzuschätzen als das ohne dieses Märtyrium gewesen wäre.

Als Stichwörter für gewisse Zuffälligkeit in der Geschichte und ihre belebende Wirkung könnte man aufführen nur die Kreuzritter-Auswüchse, die Polen auch einen gewißen Anschluß an moderne wirtschaftliche und juristische Systeme ermöglicht hatten, die Pest, die zur Ansiedlung von Fremden führte, somit für Modernisierung, die Teilung Polens, die zum nationalen Widerstand vornehmlich auf dem kulturellen Gebiet aufrief und so die Eigenständigkeit der polnischen Kultur betont hatte. Auch ohne die schmerzlichsten Kapitel des letzten Jahrhunderts ist die leidvolle Geschichte Polens ein Beweis für die Stärke dieses Volkes und ein Beweis für die Unumgänglichkeit, Polen der großen Gemeinschaft der Zivilisierten dieser Welt zuzurechnen und diesem Volk einen unverrückbaren Platz für immer zuzugestehen.

Es bleibt nur noch eine neue Metapher zu finden für die deutsch-polnische Beziehung. Die zwei Völker haben sich ineinander verbissen in der Vergangenheit. Jetzt verbinden sie sich miteinander. Und das ist nicht nur eine Botschaft. Es ist eine schöne Wirklichkeit.

 

Bonifatius Stopa

 

 

 

 

 

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C2003

29.05.2003 16:27:37